
Helmut Rahner weiß natürlich auch zu diesem Thema viel zu sagen. Seit Sommer ist der ehemalige Fußballprofi Fußballtrainer, in der Landesliga, beim TSV Buch. In seiner Mannschaft im Knoblauchsland, sagt Rahner, glaube er zwar nicht, dass es einen Homosexuellen gibt. "Aber", sagt Rahner, "wer weiß das schon?" Der 42-Jährige ist viel herumgekommen. Er spielte für Blau-Weiß 90 Berlin, Bayer Uerdingen, den FC Kilmarnock in Schottland, den 1. FC Nürnberg, Reggina Calcio in Italien, Preußen Münster und Rot-Weiß Essen. 92 Bundesligaspiele, 92 Zweitligaspiele.
"Statistisch gesehen“, sagt er, "gibt es in jeder Fußballmannschaft zwei bis drei Schwule. Na und?“ Rahner war als aktiver Spieler kantig, hart, unbequem. Sicher nie ein Frauenschwarm und auch keiner, den die Gegenspieler besonders schätzten. Rahner war einer, der aus dem Maschinenraum des Fußballs stammt, einer, der die Bälle zu erkämpfen hatte und die Gegner niederzukämpfen. Ein Fußballmagazin wählte ihn einst unter die härtesten zehn Verteidiger, die es jemals gab im Weltfußball. "Und trotzdem“, sagt er, "hatte ich in den 90ern mal einen eigenen Schwulenfanclub: die rosa Rüssel“. Eine Gruppe von homosexuellen Fußballfans hatte sich zu Rahners Uerdinger Zeiten organisiert, um den jungen fränkischen Fußballer aus Kunreuth bei Weingarts, der seine Haare wasserstoffblond gefärbt hatte, besonders zu unterstützen. Die Männer schrieben ihrem Idol sogar Liebesbriefe, luden ihn zu ihrer Weihnachtsfeier ein. Rahner kam aber nicht: "Ich war damals zwanzig Jahre alt, wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das war gar nicht so leicht für mich. Heute kann man drüber schmunzeln.
In diesen Tagen hat sich Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger geoutet, schwul zu sein. "Für mich war das keine Überraschung, in der heutigen Zeit ist das normal. Das war zu meiner aktiven Zeit noch ganz anders, das war in der Gesellschaft ein absolutes Tabuthema. Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn sich ein Fußballer outet. Der wäre zerfleischt worden von Fans und Medien.“ Dabei, sagt Rahner, war das unter Kollegen nicht unbedingt ein Geheimnis. "Man hatte zumindest Vermutungen, bei manchen hat man es gewusst.“ Nur eben nach außen hin, in der Öffentlichkeit, hätte sich kein Fußballer offen geoutet: "Schein-Ehe, Familie, Freundin — das war ein ausgeklügeltes Doppelleben“, weiß Rahner. Warum es nötig war oder sogar noch ist, erklärt sich Rahner mit dem "Männersport Fußball“: "Machogehabe, blöde Sprüche, Männlichkeit — das gehört alles dazu, da will man keine Schwächen zeigen.“ Auch wenn einer seiner Bucher Jungs sich ihm anvertrauen würde, dass er homosexuell ist, würde Rahner ihm nicht zum Outing raten: "Was bringt das denn? Man macht eine Baustelle auf und man muss dann eine starke Persönlichkeit haben, das alles auszuhalten, was auf einen einprasselt.“ Der Sport, findet Rahner, ist eben noch eine der letzten Bastionen in der Gesellschaft, in der manchmal keine Toleranz herrsche. "Das war mit dunkelhäutigen Spielern so, dann mit türkischstämmigen. Heute ist das das Normalste der Welt, wenn die Jungs mitkicken. Im Sport sollte es in erster Linie nur um die Leistung gehen.“
Das ist im Amateurfußball ein wenig anders. Hier sollten Gemeinschaft, Spaß und Bewegung im Vordergrund stehen. Wenn da einer mitspielt, der schwul ist, findet Mathias Exner, ist das doch völlig egal. Lange Zeit war der 27-Jährige Kapitän des TSV Kornburg in der Bezirksliga-Mannschaft, aus beruflichen Gründen muss er jetzt kürzertreten. Trotzdem hat er viele Jahre lang Fußball gespielt — und bis heute nicht einen homosexuellen Mitspieler kennengelernt. "Schon komisch“, findet er, wenn er darüber nachdenkt. "Ich glaube, der Amateurfußball lässt sich mit dem Profifußball nicht vergleichen. Die Profis müssen Angst haben vor der Reaktion der Medien und der Idioten in den Stadien, die es immer geben wird, und die gegnerische Spieler beschimpfen.“ Daher glaube Exner auch, dass Hitzlsperger mit seinem Outing bewusst bis zum Karriereende gewartet hat. "Dadurch ist er jetzt aus dem Schussfeld raus.“
Im Amateurfußball gebe es dieses Schussfeld gar nicht in diesem Maße. "Wir spielen vor maximal hundert Zuschauern, das bekommt niemand mit, wenn da einer schwul ist. Und wenn, dann wäre das denen auch egal.“ Ebenso, sagt Exner, sei das auch seinen Mitspielern und ihm persönlich egal. "Ich glaube, die Akzeptanz wäre da.“ Genau aber weiß es Exner nicht. Es gab diesen Fall ja noch nie.
Turgay Karali hat eine klare Meinung. Und er hat keine Scheu, diese auch öffentlich zu vertreten. „Schwul zu sein ist doch völlig in Ordnung.“ Eigentlich kein besonders aufregendes Statement — wäre Karali nicht Fußballtrainer und damit mittendrin in Deutschlands bekanntestem Tabu-Kreis für Coming-Outs. "Für mich ist immer der Charakter entscheidend“, sagt der Coach. Sein Verein Dergahspor Nürnberg wurde 1981 von türkischen Migranten gegründet, noch immer sind viele Mitglieder türkischer Abstammung. Ihr Glaube, der Islam, duldet Homosexualität eigentlich nicht. Auch Karali ist Türke. Und der Glaube? "Spielt dabei doch keine Rolle“, sagt er. Wenn ein Spieler in eine Mannschaft passe, "ist es völlig egal, ob er schwul ist oder nicht“. "Privatsache“ sei das. Und damit basta. Aus seinem Landesligateam hat sich bislang keiner als homosexuell geoutet. Passieren könnte es natürlich jederzeit, gerade jetzt, nachdem sich mit Thomas Hitzlsperger der erste deutsche Profi zu seiner Sexualität bekannt hat. "Meine Mannschaft würde damit klarkommen“, ist sich Karali sicher. Probleme könnte es höchstens beim Duschen geben. "Aber damit müssen dann alle leben.“ "Dem Nationalspieler kann ich nur gratulieren. Er hat gezeigt, dass auch schwule Menschen etwas erreichen können“, sagt Karali. Er selbst hat Bekannte, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen. Doch im Fußball ist der ehemalige Torwart noch keinem offen Schwulen begegnet. Auch in seiner eigenen Mannschaft nicht. Schon komisch, eigentlich.