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Löcher bohren und Schnee schippen

Wie Platzwarte einen Fußball-Rasen winterfest machen / Sven Baethge erklärt

von MOZ.de / Dorothee Torebko · 10.12.2014, 09:33 Uhr · 0 Leser
Kennt sich in Sachen Fußballplatz aus: Union-Manager Sven Baethge  ©MOZ/Dorothee Torebko
Kennt sich in Sachen Fußballplatz aus: Union-Manager Sven Baethge ©MOZ/Dorothee Torebko

Bodenfrost, Schneegestöber, Eiswind: Fußballern macht der Winter zu schaffen. Während sie sich zumindest mit warmer Wäsche schützen können, ist der Rasen den widrigen Bedingungen ausgesetzt. Der ehemalige Platzwart und Manager vom FSV Union Fürstenwalde, Sven Baethge, erklärt: Wie mache ich den Rasen winterfest?

Es war an einem Wintertag in Prenzlau. In der Saison 1997/1998. Wann genau, weiß Sven Baethge, schulterlange, lockige Haare, schlaksige Figur, auch nicht mehr. Im Detail kann er sich aber noch an den Platz erinnern. Da türmten sich knöchelhoch Schneemassen auf dem Rasen. Trotzdem zog sich der damals noch aktive Fußballer die Stulpen an, streifte sich Mütze und Handschuhe über und stapfte auf die eiskalte Watte. "Da wurden einfach Hütchen an den Ecken aufgestellt und es ging los", erinnert sich der 42-jährige Manager des Oberligisten FSV Union Fürstenwalde, der während seiner Aktivenzeit in Senftenberg auch dort als Platzwart arbeitete.

Heutzutage würde das nicht mehr passieren. "Viele Plätze gehören den Städten oder Gemeinden. Die haben Angst, dass die Schäden bei einem solchen Schneegestöber zu groß werden", sagt Baethge. Das ist insofern verständlich, als dass ein neuer Platz seinen Angaben nach 40 000 Euro kostet. Für viele Vereine - wie auch den FSV - ist das nur tragbar, indem Spenden gesammelt werden. Günstiger ist es, einen Platz zu pflegen.

Zwei Methoden gibt es, den Platz fit für die Saison zu machen und damit den Schäden, die durch Bodenfrost entstehen, zu trotzen. Erstens: Im Frühjahr und Herbst vertikutiert der Platzwart das Grün. Heißt: Er lockert mit einer Maschine die Erde und sticht Löcher in den Grund. Diese werden mit Sand gefüllt, damit dort das Wasser reinfließen kann und sich bei starkem Regen keine Pfützen bilden.

Zweitens: Hat der Boden über den Winter stark unter dem Wetter gelitten, muss der Platzwart schweres Geschütz auffahren. Ein Traktor fräst in den Boden zapfengroße Löcher hinein. Dort füllt er Samen hinein, die in der Sommerpause sprießen können. Sechs bis acht Wochen dauert der Vorgang - und der Rasen ist wie neu. Wichtig ist hierbei, dass er sie tief in die Erde einbringt. Denn reißt der Fußballer mit seinen Schuhen ein Stück Rasen heraus, so geschieht das nur an der Oberfläche. Die Wurzeln bleiben im Grund und das Grün kann nachwachsen.

Sieht Rainer Rapp die herausgetretenden Rasen-Pflatschen auf seinem Eberswalder Platz liegen, versetzt ihm das jedes Mal einen kleinen Stich. Seit 20 Jahren ist der 56-Jährige Platzwart beim Brandenburgligisten FV Preussen Eberswalde. Das Schlimmste, was er in seinem Beruf erlebt hat, geschah auch im Winter. Vor einigen Jahren war das. Es hatte über Nacht so viel Schneefall gegeben, dass der Platz unbespielbar war. Zwei Tage, jeweils acht Stunden, hat er mit fünf weiteren Helfern und Maschinen den Schnee an die Ränder des Platzes geräumt. "Mit der Hand hättest du dich kaputt geackert. Und auch trotz der Maschinen war es schlimm." Zwar hätten die Eberswalder in diesem Fall auch die Möglichkeit gehabt, auf Kunstrasen zu spielen. Aber: "Die Fußballer mögen den natürlichen Rasen lieber, weil er die Gelenke schont", betont Rapp.

Um diese zusätzlich zu schützen, satteln die Spieler im Winter auf Noppenschuhe um. Statt mit Stollen aus einem Plastikgemisch laufen sie mit Gummi-Noppen auf. "So kriegt man auch auf einem Betonboden Halt", erklärt Baethge. Tricks wie eine Rasenheizung kommen für kleinere Vereine nicht infrage. "Union Berlin hat für seine Heizung eine halbe Million Euro investiert", weiß der Fürstenwalder über den Zweitligisten aus Köpenick zu berichten. In der Ersten und Zweiten Liga sind Rasenheizungen Pflicht. Sie funktionieren wie Fußbodenheizungen. Das bedeutet, dass ein engmaschiges Netz aus Röhren unter das Gras gelegt wird. Bei frostigen Temperaturen schießt warmes Wasser durch diese und der Platz taut auf.

Vielleicht sind es genau solche Luxus-Erscheinungen, die einige Bundesligisten einen Platz so akribisch beurteilen lassen wie ein Edel-Konditor die Rosinen im Weihnachtsstollen abzählt. "Als wir unser Testspiel gegen Hertha BSC hatten", berichtet Baethge, "sind die Platzwarte aus Berlin nach Fürstenwalde gekommen und haben millimetergenau gemessen." Nicht nur einmal knieten sie mit dem Maßband auf dem Grün, sondern kamen gleich dreimal. So häufig, wie es eben bedurfte, den Rasen auf die gewünschte Länge zu stutzen: drei Millimeter. Grund dafür ist, dass die Bundesligisten einen schnellen Boden bevorzugen.

Auch in Sachen Rasen-Sorte greifen die meisten auf dieselben Komponenten zurück. "Es ist eine Mischung aus Wiesenrispe, die belastbar ist, Lolium, das für schnelles Wachstum sorgt, und Rotschwingel", erklärt Baethge. In welchem Mischverhältnis diese Bestandteile zueinander stehen, ist das Betriebsgeheimnis der Vereine. Ein Platzwart muss daher mehr sein als ein Gärtner. Er muss Meteorologe, Chemiker - und im Winter ein muskulöser Bauarbeiter ohne Angst vor einer Triefnase sein.