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Sonntag 05.03.17 09:00 Uhr|Autor: Romina Burgheim2.888

Großkreutz' letzter Kampf

Reflexion über den Umgang mit Fehlern

Perkins Park. Laufhaus. Schlägerei. 

Diese drei Worte bilden den Kern eines weiteren Mini-Skandals im Fußball. In den Mittelpunkt rückt (un-) freiwillig Kevin Großkreutz, der schon in der Vergangenheit mit zwei Faux pas in den Fokus der Berichterstattung geraten war. Das war anscheinend einer zuviel. Nachdem der 28-jährige mit Vereinskollegen aus dem Nachwuchsteam (U-17!!!) nach einer Oberstufen-Party in eine Schlägerei geraten und dabei nicht unerheblich verletzt worden war, beendete der VfB Stuttgart mit sofortiger Wirkung die Zusammenarbeit.



Nachvollziehbar oder völlig überzogen? Diese Frage der Verhältnismäßigkeit der Strafe diskutieren gerade fleißig die Anhänger im Netz, und offenbaren eine klare Tendenz - ungeachtet dessen, ob man Großkreutz - Sympathisant ist, oder nicht. Denn die Entscheidung der Vereinsbosse hinterlässt einige Fragezeichen und verständnislos schüttelnde Köpfe. Die Anteilnahme ist groß. Knapp 80% der Online-Befragten halten sie für unberechtigt. (Umfrage: Welt.de) 

Der Vorfall avanciert zu einer dramatischen Metapher, welchem vereinheitlichendem Charakter-Waschgang die (werdenden) Fussballprofis unterzogen werden und stellt die Frage nach einem sinnvollen und nachhaltigen Umgang mit (menschlichen) Fehlern.

Und wer kann diese Frage besser beantworten, als ein Mann, der in seinem Leben oft genug mit den Produkten seiner selbstbewusst provozierten Eskapaden zu kämpfen hatte? Der nach eigener Aussage „immer sein Ding gemacht hat“. Der Mann, dessen AB-Ansage wohl ganz Fußball-Deutschland kennt? Der Mann, der gerne die Obrigkeit herausforderte („Entweder geht der Trainer oder ich. Meistens musste ich gehen :D“) Der Mann, der seine Grenzen kannte und sie bei Bedarf unbekümmert überschritt? Der Mann, der wegen seines Charakter-Kopfes unsterblich wurde! 

Richtig! Es ist Ansgar Brinkmann! An den weißen Brasilianer muss ich sofort denken, als ich den Trubel um Kevin Großkreutz mitbekomme. Denn er wurde zur lebenden Legende. Großkreutz zum großen Verlierer. 

Auf meine WhatsApp-Anfrage, ob Ansgar zu dem Vorfall für meine Kolumne eine Einschätzung geben will, reagiert er prompt und ruft gleich an. So ist er: Unkompliziert. Zuverlässig. Spontan

Er kommt auch direkt zur Sache. Viel Zeit hat der begehrte Interviewpartner nicht. 

Aber er nimmt sie sich für Romans Querpass: Wortgewandt. Differenziert. Direkt und mit viel Humor:

„Man muss als allererstes sagen, dass wir mit Kevin Großkreutz eigentlich eine unheimlich schöne Fußballgeschichte vor uns haben. Er ist ja quasi direkt vom Fanblock auf dem Rasen gelandet. Dann hat er unter Kloppo (die Rede ist von Jürgen Klopp) einen kometenhaften Aufstieg erlebt:  er gewann einmal den DFB - Pokal und zweimal die Deutsche Meisterschaft. Schließlich nominiert ihn Löw in den Nationalmannschaftskader und wird direkt Weltmeister. Das ist schon eine legendäre Geschichte.“ würdigt Brinkmann den besonderen und in der Form sicherlich einzigartigen Werdegang des ehemaligen Mentalitäts-Dortmunder. 

Fast zu schön, um wahr zu sein. Denn wo Sonne ist, ist auch viel Schatten. Und der plötzliche Ruhm birgt viel Verantwortung und so einige Fettnäpfchen, in die man(n) treten kann. Und das tat er. 

Der Routinier gesteht: „Sind wir mal ehrlich, Großkreutz war nie die hellste Kerze auf der Torte.“  Zeugnis dieser fehlenden Cleverness, die dem jugendlichen Leichtsinn und einer gewissen Überforderung oder Unerfahrenheit geschuldet sein mag, markieren zwei besondere Ereignisse. Bei der berühmten Döner-Wurf-Affäre wusste er sich vor einem aufdringlichen Fan nicht anders zu helfen als ihn mit besagter kulinarischer Spezialität von sich fernzuhalten. Einen noch viel pikanteren Fauxpas passierte ihm mit der Pinkel-Affäre: er erleichterte sich in einer Hotellobby an einer Säule. Und hinterließ eine Riesen-Sauerei :D Peinlich und sehr kostenintensiv. Aber nicht weiter dramatisch für seine Karriere.

Mit der Ära Klopp endete gleichzeitig in Dortmund die Karriere des letzten Lokalhelden, den der globalisierte Fußball zu bieten hat. Weil er in Tuches Taktikkonzept nicht mehr hineinpasste, ging er in die Türkei. Sein Wechsel nach Galatasaray Istanbul wurde zu einem echten Fail. Ein formaler Supergau (fehlende Unterschriften zum Fristende) war schuld daran, dass er kein einziges Pflichtspiel für seinen neuen Arbeitgeber absolvierte. Die sechsmonatige unverschuldete Leidenszeit beendete der VfB Stuttgart. Für 2,2 Millionen € wechselte der vielseitig verwendbaren Mittelfeldspieler Anfang Januar 2016 zu den abstiegsbedrohten Schwaben. Ruhig war es um ihn geworden. Ein Neustart sollte es werden und nun steht er vor einem Scherbenhaufen. 

„Ich bin vorsichtig mit Ferndiagnosen, dafür kenne ich nicht alle Hintergründe. Ich bin mir auch sicher, dass das Laufhaus keine Erfindung von Felix Magath ist, da wird er sich schon anderweitig vergnügt haben. Aber ganz koscher klingt das nicht, da muss noch was anderes hinter stecken“, versucht die blonde Frohnatur die Geschehnisse einzuordnen. 

Sein Mitleid für Großkreutz ist groß, obwohl er klar macht: „Natürlich hat Kevin den Bogen überspannt, und vielleicht darf auch sowas in der Häufigkeit nicht passieren. Aber der arme Junge hat jetzt gerade genug Ärger zu Hause, da muss man als Verein jetzt nicht so zusätzlich nachtreten.“

Wenn er den Umgang des VfB mit seinem Schützling betrachtet, erinnert sich der 44-jährige an seine eigene Karriere zurück. „Nach einem Spiel mit meinem damaligen Klub Eintracht Frankfurt kam der Co-Trainer vom VfB Stuttgart, Wolfgang Rolf, auf mich zu und sagte: Ansgar, wir wollen dich haben! Wenn er heute über das Angebot nachdenkt, gibt er schmunzelnd und mit seiner berühmt-berüchtigten Lache (die sich wohlig tief aus seiner Kehle heraufarbeitet) zu: "Ich hätte beim VfB keine Woche überlebt!"

Dann wird er wieder ernst: Scharf(sinnig) kritisiert er die Kurzsichtigkeit der Vereinsbosse: "Natürlich muss es Sanktionen geben, aber sie hätten das große Ganze, die Person Kevin Großkreutz, sehen müssen: Ich hätte mir gewünscht, dass sie ihn erstmal suspendieren und ggf. mit dem Reserveteam trainieren lassen. Diese Bedenkzeit wäre vollkommen ausreichend gewesen.“ Brinkmann begründet diesen Vorschlag mit einer fast verloren gegangenen Tugend: „Er ist ein Farbtupfer in der so eintönig gewordenen Fussballlandschaft, er lebt wie kein zweiter den Fußball vor, trägt die Farben seines Vereins mit Stolz, identifiziert sich hundertprozentig und er hat sich direkt nach dem Abstieg zu Stuttgart bekannt. Er hat sich auf gut deutsch gesagt den Arsch aufgerissen, so wie es alle Vereine von ihren Spielern erwarten. Das sind Werte, die man in Krisensituationen wie diesen auch mit berücksichtigen sollte. 

Natürlich ist eine Schlägerei eine in jederlei Hinsicht abzulehnende Tat.  Der Vorfall zeigt auch auf, dass im Fußball die strikte Trennung zwischen beruflichen und privaten Angelegenheiten schon lange nicht mehr gegeben ist. Fehler im Freizeit-Raum können verheerende Folgen auf das eigene Arbeitsverhältnis haben (obwohl nicht jedem sofort die Verbindung einleuchten mag). Als Fußballer und somit öffentliche Person im Leben hat man auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen. Das ist selbstredend. Jegliches Fehlverhalten wirft ein negatives Bild auf alle Beteiligten. Ihre Aufklärung bedarf aber ebenfalls zur Feststellung eines adäquaten Strafmaßes einer differenzierten Betrachtung. Die scheint in diesem Fall nicht stattgefunden zu haben. Zu willkürlich erscheint da die Reaktion. Zu fadenscheinig die Begründung. Zu widersprüchlich die im Vorfeld getätigten Aussagen. (von einer Geldstrafe war die Rede, nie aber von einer Kündigung): Zu harmlos der eigentliche Vorfall.

Darüberhinaus sieht der ehemalige Bad Boy der Bundesliga auch auf Seiten des Vereins eine Verantwortung für seinen Schützling: „Wenn Stuttgart was in der Birne gehabt hätte, hätten sie ihn geschützt und ihn nicht da vor die Kameras gesetzt!“ Und er setzt noch einen drauf: „Wenn du in Not bist, solltest du nicht beim VfB versichert sein.“

Zu dieser Erkenntnis wird Kevin Großkreutz nun auch sehr schmerzhaft gelangt sein. Seinem eigenen Vernehmen nach wird er sich erstmal aus dem Profi-Fußballgeschäft zurückziehen. Ob das sein eigener Wille ist oder dieser Schritt ihm mehr als nahegelegt wurde, kann nur er beantworten. Die Souffleuse- Tätigkeiten eines unbekannten Mannes im Hintergrund, als ein sichtlich aufgelöster und mit den Worten ringender reuig Geständiger vor der Kamera seinen Rückzug verkündete, lässt letzteres vermuten. So oder so: Auch wenn die Pille, die er jetzt zu lutschen hat, einen höchst bitteren Beigeschmack, hat. Das kann dauern! 

Zum Schluss gibt er dem Zwangs-Pensionär einen guten Rat: 

„Kevin soll nun gucken, wer sich jetzt bei ihm meldet. In Zeiten des Erfolgs hast du viele Freunde, jetzt zeigt es sich, wer deine wahren Freunde sind.“

Bildquellehttps://www.welt.de/sport/fussball/article162563559/Kevin-Grosskreutz-ist-damit-eindeutig-ueberfordert.html

 
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