
Sie ist ein Teil der deutschen Sportgeschichte und der Mehrheit doch nicht geläufig: die Jugoliga, eine ausländische Fußballorganisation, die von 1971-92 innerhalb Baden-Württembergs existierte. Von Anfang an dabei war Gojko Cizmic, der 1969 nach Deutschland kam. Der Kroate war damals nur „ein kleines Rädchen“, doch die Zeit möchte er nicht missen. Damit diese Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät, schreibt der heute 68-Jährige aktuell ein Buch über die Jugoliga. „Ich trage meinen Anteil dazu bei, dass sie am Leben erhalten bleibt, denn wenn irgendwann unsere Nachkommen sich fragen, wer unsere Alten gewesen sind, werden sie einen Teil der Antwort in meinem Buch finden“, sagt Cizmic.
Es begann mit Immigranten und Gastarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in der Hoffnung, Geld zu verdienen, nach Deutschland reisten. Viele von ihnen trafen sich damals mit anderen ihrer Landsmänner, um unter sich zu sein und die Gebräuche der Heimat zu pflegen. Nach einiger Zeit entstanden dabei erste jugoslawische Vereine, in deren Rahmen neben Folklore auch Fußballmannschaften integriert waren.
„Fast überall fing es nach dem gleichen Muster an. Am Wochenende trafen sich Landsleute auf einer Wiese und spielten unter sich Fußball. Danach gingen alle zusammen in eine jugoslawische Gaststätte, um etwas zu trinken“, erzählt Cizmic: „Nach einer Weile wurde vom Wirt vorgeschlagen, einen Fußballverein zu gründen, und natürlich hatte der Wirt am meisten davon, weil er so sichere Gäste hatte.“
„Am Anfang fehlte es an allem“
Die neu gegründeten Fußballclubs verdichteten sich in Stuttgart und Umgebung sowie in Schweningen, Tuttlingen und Heilbronn. Die ersten Spiele wurden am 28 Juni 1970 in Stuttgart/Degerloch am Fußballplatz der Turn und Sportfreunde organisiert im Rahmen eines Turniers der Mannschaft JUG aus Stuttgart – mit am Start: Insgesamt rund 150 Fußballer, die vor ca. 3000 Zuschauern kickten.
An diesem Tag entstand die Idee, eine eigene Jugoliga zu gründen. Umgesetzt wurde dies von einer Gruppe unter der Leitung von Bosko Markovic, der später als erster Ligapräsident gewählt wurde. Und so wurde die erste Meisterschaft gleich im Frühling 1971 ausgetragen – zunächst mit 13 angemeldeten Mannschaften und provisorisch eine halbe Saison lang nur unter dem Namen „Eksperimentalna Liga“.
„Am Anfang fehlte es an allem. Die Vereine hatten keine Trainer oder Geld für Trikots oder Schuhe“, erinnert sich der gelernte Industriemechaniker zurück: „Trotzdem ist diese Meisterschaft außerhalb der Heimat relativ gut gelaufen. Es kamen viele Zuschauer, in Schwenningen beispielsweise bis zu 1000.“ 1971 wurde schließlich Metalac aus Stuttgart zum ersten Jugoligameister gekürt.
Erste Konflikte
Danach wurde entschieden, dass im normalen Rhythmus weiter gespielt werde (Herbst/Frühling) – allerdings mit zwei Gruppen, weil sich inzwischen 14 neue Mannschaften angemeldet hatten. Daher wurden die Teams in eine Liga Stuttgart (14 Mannschaften) und eine Liga Baden (13 Mannschaften) aufgeteilt. „So sind die Reisen auch etwas kürzer geworden“, bemerkt Cizmic. „Es kamen ständig neue Vereine hinzu, aber auch welche, die sich aufgelöst haben. Einmal waren 87 Mannschaften gleichzeitig aktiv.“
In der Saison 1972/73 sind die Vereine aus der Jugoliga schließlich in den Württembergischen Fußballverband (WFV) aufgenommen worden. Ab der Saison 1973/74 übernahm der WFV dann die gesamte Organisation der Jugoliga-Meisterschaft. Dies bedeutete auch, dass der Jugoliga-Vorstand ab nun an allen Verpflichtungen des Verbands nachkommen musste. „Wir spielten nach Regeln des Württembergischen Fußballverbands und nur noch bei Turnieren nach den Regeln des jugoslawischen Fußballverbands“, erklärt Cizmic. „Außerdem hat der WFV uns aus eigenen Nutzen zu sich genommen und mit autokratischem Führungsstil geleitet. Wir konnten als jugoslawische Organisation nicht alleine entscheiden, sodass später überlegt wurde, wieder zu einem jugoslawischen Fußballverband zurückzukehren, weil von diesem mehr Hilfe zu erwarten war.“ Zum WFV seien viele Strafgelder geflossen, „aber Hilfe kam keine zurück“, beklagt der 68-Jährige.
Ab der Saison 1973/74 kämpften die ersten ausländischen Mannschaften in ihrer Liga um die Württembergische Meisterschaft. Der jugoslawische Fußballverein Bratstvo-Schwenningen hat diesen Titel als Erstes gewonnen. Außerdem wurden in dieser Saison an jugoslawische Vereine wegen undiszipliniertem Verhalten Strafen in Höhe von insgesamt 16000 DM verhängt. „Die Clubs haben mit der Zeit daraus gelernt, sodass die Strafen seltener wurden“, sagt Cizmic.
Gerichtsentscheid über Jugoliga
Im WFV habe es viele Probleme gegeben, erzählt der Kroate weiter, „weil dieser Verband für jede Kleinigkeit drastische Strafen verhängte, was die Existenz mancher Vereine bedrohte.“ Das größte Problem seien die Fußballplätze und Umkleideräume gewesen. „Das war alles schwer zu bekommen und dazu auch sehr teuer. Auf den Hartplätzen einmal die Woche zu trainieren und am Wochenende zu spielen kostete 1500-3000 DM. Wir haben in unserer Heimat nur auf Rasenplätzen gespielt. Die Umstellung auf einen Hartplatz war gewaltig.“
Der Plan, zu einem jugoslawischen Fußballverband zurückzukehren, stieß beim deutschen Fußballbund auf keine Gegenliebe, weil dieser es nicht befürwortet habe, dass ein Fußballbund eines anderen Landes seine Meisterschaft in Deutschland austrägt. „In dieser Zeit mussten deutsche Gerichte über die weitere Existenz der Jugoliga urteilen“, erzählt Cizmic. „So ist ein Kompromiss entstanden, dass unsere Liga den Namen Jugoslawischer Sport- und Kulturverein tragen und einen größeren Rahmen für andere Vereine bieten sollte“. Doch an den offiziellen Namen hielt sich keiner. „Wir haben unsere Liga weiter Jugoliga genannt. Die Wenigsten wussten von diesem neuen Namen.“
In den nächsten Jahren wurde die Jugoliga mit der steigenden Zahl der Vereine immer größer – so groß, dass sie auf eine erste und zweite Liga mit jeweils drei Gruppen erweitert wurde. Neben der Meisterschaft wurde nun auch um den jugoslawischen Cup gespielt. Schon bald erweckte die Jugoliga im ehemaligen Jusoglawien immer mehr Interesse. Radio, Fernsehen und Zeitungen berichteten über die Liga in der Fremde, wodurch auch der jugoslawische Fußballverband hellhörig wurde. Und so kamen renommierte Erst- und Zeitligisten zu Freundschaftsspielen nach Deutschland.
Ein vorhersehbares Ende
„Die Jugoliga spielte bei den Mitgliedern eine zentrale Rolle in deren Leben“, betont Cizmic. „Es war ein Ort, wo die Leute ihre Probleme vergessen konnten, auf Muttersprache über das Leben in Deutschland redeten, manchmal wurde auch gesungen, und so wurde neue Kraft getankt.“ Die Jugoliga, erläutert er, war „ein Symbol, das zeigte, dass es auch weit von der Heimat entfernt möglich ist, sportlich und gesellschaftlich Erfolg zu haben.“
Das größte Fußballfest wurde jeden Sommer am Neckarstadion in Stuttgart gefeiert, wo die besten Mannschaften zusammenkamen und viele Zuschauer vor Ort waren. Einmal waren über 30000 Jugoslawen anwesend, erinnert sich Cizmic. „Es wurde den ganzen Tag gefeiert, die Mannschaften kamen wie bei der Olympia-Eröffnung mit Schildern und in Kolonne ins Stadion.“ Das Tagesprogramm umfasste Folklore, Kampfsport und nachmittags wurde das Finale des Jugocups ausgetragen.
Dass die Jugoliga auf lange Sicht jedoch keine Zukunft haben würde, war laut Cizmic vorprogrammiert. Ab 1985 ging es bergab „Wir wollten jugoslawische Juniorenmannschaften organisieren. Allerdings klappte das sehr selten, weil unsere Jungs in den deutschen Vereinen spielten, wo die Bedingungen auch besser waren“, sagt der Kroate. „Die Jugoliga ist hauptsächlich deswegen auseinander gegangen, weil keine jungen Spieler zu uns gekommen sind.“ Den Rest habe der Bürgerkrieg in Jugoslawien ergeben. Was bleibt, sind unzählige schöne Erinnerungen. „Ich habe eine besondere Liebschaft zu dieser Liga“, meint Cizmic. „Und noch heute erlebe ich diese Zeit immer wieder neu.“
Bilder und Impressionen der damaligen Jugoliga finden Sie auf der Facebook-Seite Jugoliga u Baden/Württembergu.