
Bereut hat der Nürnberger, der „irgendwann in den Achtzigern“ unter dem Club-Meisterspieler Horst Leupold auch mal beim TSV Katzwang Tore verhindert hat, diesen Entschluss nicht. Vielmehr hat er seinen Berufs- und Altherren-Kollegen Steffen Güttler (48), einen Allgemeinmediziner, und Zahnarzt Hugo Faul (62) zu ihrer neuen sportlichen Herausforderung animiert. Der „Clubberer“ mit zwei Zweitliga-Einsätzen war zehn Jahre lang Spielertrainer des FC Stein, der Kontakt war deshalb schnell geknüpft; Fußball-Begeisterung war sowieso genügend vorhanden und dazu lockte der Reiz des Neuen.
Herumgekommen ist das Trio im vergangenen Jahrzehnt dank dieser außergewöhnlichen Sportler-Karriere weit in der Welt, standen doch alljährlich WM-Turniere unter anderem in Brasilien, Australien und Südkorea auf dem Reiseplan - im Sommer ist dann erneut Brasilien das Ziel.
Während Bundestrainer Jogi Löw mit der deutschen Nationalmannschaft dort vom 12. Juni bis zum 13. Juli erst noch den Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft realisieren muss, sind die Ärzte-Fußballer schon einen entscheidenden Schritt weiter: Sie treten als Titelverteidiger bei der 20. WM vom 5. bis 12. Juli in der nordbrasilianischen Metropole Natal an.
Ihr „Sommermärchen“ haben sich die Mediziner nämlich unverhofft bereits 2013 in Ungarn erfüllt - und die Steiner waren dabei. Das Finale im mit 16 Nationen besetzten Turnier wurde gegen Tschechien (0:0) im Elfmeterschießen 6:5 gewonnen. Überraschend zwar, aber keineswegs unverdient, hatten sie doch im Viertelfinale die hoch gehandelten Kollegen aus Brasilien 1:0 und im Halbfinale auch die Spanier nach einem 0:0 im Elfmeterschießen mit 5:3 geschlagen.
Zwei Gegner, die auch Manuel Neuer und Mesut Özil bei der Weltmeisterschaft 2014 begegnen könnten. „Wenn sie Ratschläge wollen, wie man sie schlägt, brauchen sie nur zu fragen“, sagt Kobes und lacht laut auf - und auch der Hinweis, „dass Faul sicherlich am besten weiß, wie man ihnen die Zähne zieht“, ist alles andere als ernst gemeint.
Dass der Zahnarzt, 2008 aus der Rolle des Aktiven auch bei den Ärzten in die seit Jahrzehnten im Nachwuchsbereich mit großem Engagement und Fachwissen ausgeübte Funktion des Trainers geschlüpft, großen Anteil am Erfolg der Mannschaft hat, ist unstrittig. „Vorher war es manchmal etwas chaotisch“, erinnert sich Kobes, jetzt gibt es klare Strukturen und im Frühjahr immer ein Trainingslager. Diesmal findet es vom 1. bis 4. Mai in Regensburg statt, zum Abschluss wird ein Turnier ausgetragen.
Natürlich ist der sportliche Ehrgeiz groß, jeder im 25-Mann-Kader will in die Mannschaft, will gewinnen. „Das Fußballerische ist schon wichtig“, sagt Abwehrspieler Güttler. Unterstrichen wird das durch zwei gelb-rote Karten, die es zuletzt beim Endspiel in Budapest gab. Das Gefühl nach dem Titelgewinn war „unbeschreiblich schön“ (Güttler), vor allem „weil wir unser Hobby Fußball richtig ausleben können“ (Kobes).
Wichtiger aber ist das gute Klima untereinander. Bei allem Ehrgeiz soll die Kameradschaft im Mittelpunkt stehen, die vielen Bekanntschaften, oftmals sogar Freundschaften, die sich im Laufe der Jahre auch mit Spielern anderer Nationen entwickelt haben. Und selbst beim Fachkongress, der mit jeder WM verbunden ist und bei dem jede Mannschaft zwei Vorträge zu halten hat, hat Güttler eine ungewohnte Lockerheit registriert: „Bei allem Respekt voreinander, die Distanz ist bei weitem nicht so groß wie sonst.“ Und dass im Gespräch untereinander ohnehin der Fußball dominiert, wird in Brasilien sicherlich auch nicht anders sein, liefert die parallel ausgetragene „große“ WM doch zusätzlich Gesprächsstoff.
Die Favoritenbürde als Weltmeister wiegt für die deutschen Ärzte in Brasilien besonders schwer, denn natürlich sind die Gastgeber besonders motiviert, den Titel zu holen. Auch das Alter ist häufig ein Problem. „Wir mit unserer relativ alten Mannschaft staunen oft, wie jung in manchen Ländern die Ärzte sind“, sagt Kobes. Obwohl er sich als Torwart etwas leichter tut, findet er es richtig, dass immer mindestens zwei Ü-35- und zwei Ü-40-Spieler auf dem Platz stehen müssen.
Aber das alles ist eigentlich Nebensache. Brasilien lockt - und ans Aufhören wird vorerst kein Gedanke verschwendet. Ganz im Gegenteil. Vielmehr hat sich Torwart Kobes schon Gedanken über die WM 2015 in Los Angeles gemacht: „Wenn es sich irgendwie zeitlich einrichten lässt, sollen Ehefrau und die drei Söhne mit nach Kalifornien, Familienurlaub anschließend inbegriffen.“ Erstaunlich, wo einen die Antwort auf eine Anzeige im Ärzteblatt doch überall hinführen kann.