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Ärzte-WM: Nürnberger wollen Titel in Brasilien verteidigen

Nach dem Sommermärchen ist vor dem Sommermärchen

von Peter Wieland (NN) · 20.02.2014, 08:43 Uhr · 0 Leser
Trainer Hugo Faul (r.) weiß, wie man dem Gegner die Zähne zieht ? und Jörg Beer, Thomas Kobes, Volker Kleemann, Steffen Güttler (v. l.) wissen, wie man zwischen Familienurlaub und Fachkongress Weltmeister wird. F: privat
Trainer Hugo Faul (r.) weiß, wie man dem Gegner die Zähne zieht ? und Jörg Beer, Thomas Kobes, Volker Kleemann, Steffen Güttler (v. l.) wissen, wie man zwischen Familienurlaub und Fachkongress Weltmeister wird. F: privat
Ärzte fallen im Fußball normalerweise nur auf, wenn sie Dr. Müller-Wohlfahrt heißen oder sich berufsbedingt auf dem Spielfeld um verletzte Akteure kümmern. Natürlich spielen Mediziner aber auch selbst Fußball, seit 1995 ermitteln sie sogar ihren eigenen Welt­meister. 2013 hat Deutschland diesen Titel gewonnen, auch dank des Nürn­berger Zahnarztes Dr. Hugo Faul und den beiden Altherrenspielern des FC Stein, Dr. Thomas Kobes und Dr. Stef­fen Güttler.
Begonnen hat alles vor 14 Jahren mit einer Anzeige im Deutschen Ärzte­blatt. Dort wurde ein Torwart für die Deutsche Ärzte-Nationalmannschaft gesucht - und weil der Orthopäde Tho­mas Kobes (46) mit Talent und noch mehr Enthusiasmus schon seit seiner Jugend im Tor steht, hat er sich „mal gemeldet“.

Bereut hat der Nürnberger, der „irgendwann in den Achtzigern“ unter dem Club-Meisterspieler Horst Leupold auch mal beim TSV Katz­wang Tore verhindert hat, diesen Ent­schluss nicht. Vielmehr hat er seinen Berufs- und Altherren-Kollegen Steffen Güttler (48), einen Allgemeinmediziner, und Zahnarzt Hugo Faul (62) zu ihrer neuen sportlichen Herausforderung animiert. Der „Clubberer“ mit zwei Zweitliga-Einsätzen war zehn Jahre lang Spielertrainer des FC Stein, der Kontakt war deshalb schnell ge­knüpft; Fußball-Begeisterung war so­wieso genügend vorhanden und dazu lockte der Reiz des Neuen.

Herumgekommen ist das Trio im vergangenen Jahrzehnt dank dieser außergewöhnlichen Sportler-Kar­riere weit in der Welt, standen doch alljährlich WM-Turniere unter ande­rem in Brasilien, Australien und Süd­korea auf dem Reiseplan - im Som­mer ist dann erneut Brasilien das Ziel.

Während Bundestrainer Jogi Löw mit der deutschen Nationalmann­schaft dort vom 12. Juni bis zum 13. Juli erst noch den Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft realisieren muss, sind die Ärzte-Fußballer schon einen entscheidenden Schritt weiter: Sie treten als Titelverteidiger bei der 20. WM vom 5. bis 12. Juli in der nord­brasilianischen Metropole Natal an.

Ratschläge für Jogi

Ihr „Sommermärchen“ haben sich die Mediziner nämlich unverhofft be­reits 2013 in Ungarn erfüllt - und die Steiner waren dabei. Das Finale im mit 16 Nationen besetzten Turnier wurde gegen Tschechien (0:0) im Elf­meterschießen 6:5 gewonnen. Überra­schend zwar, aber keineswegs unver­dient, hatten sie doch im Viertelfinale die hoch gehandelten Kollegen aus Brasilien 1:0 und im Halbfinale auch die Spanier nach einem 0:0 im Elfme­terschießen mit 5:3 geschlagen.

Zwei Gegner, die auch Manuel Neuer und Mesut Özil bei der Welt­meisterschaft 2014 begegnen könnten. „Wenn sie Ratschläge wollen, wie man sie schlägt, brauchen sie nur zu fragen“, sagt Kobes und lacht laut auf - und auch der Hinweis, „dass Faul sicherlich am besten weiß, wie man ihnen die Zähne zieht“, ist alles andere als ernst gemeint.

Dass der Zahnarzt, 2008 aus der Rolle des Aktiven auch bei den Ärzten in die seit Jahrzehnten im Nachwuchs­bereich mit großem Engagement und Fachwissen ausgeübte Funktion des Trainers geschlüpft, großen Anteil am Erfolg der Mannschaft hat, ist unstrit­tig. „Vorher war es manchmal etwas chaotisch“, erinnert sich Kobes, jetzt gibt es klare Strukturen und im Früh­jahr immer ein Trainingslager. Dies­mal findet es vom 1. bis 4. Mai in Regensburg statt, zum Abschluss wird ein Turnier ausgetragen.

Natürlich ist der sportliche Ehrgeiz groß, jeder im 25-Mann-Kader will in die Mannschaft, will gewinnen. „Das Fußballerische ist schon wichtig“, sagt Abwehrspieler Güttler. Unterstri­chen wird das durch zwei gelb-rote Karten, die es zuletzt beim Endspiel in Budapest gab. Das Gefühl nach dem Titelgewinn war „unbeschreib­lich schön“ (Güttler), vor allem „weil wir unser Hobby Fußball richtig ausle­ben können“ (Kobes).

Wichtiger aber ist das gute Klima untereinander. Bei allem Ehrgeiz soll die Kameradschaft im Mittelpunkt ste­hen, die vielen Bekanntschaften, oft­mals sogar Freundschaften, die sich im Laufe der Jahre auch mit Spielern anderer Nationen entwickelt haben. Und selbst beim Fachkongress, der mit jeder WM verbunden ist und bei dem jede Mannschaft zwei Vorträge zu halten hat, hat Güttler eine unge­wohnte Lockerheit registriert: „Bei allem Respekt voreinander, die Dis­tanz ist bei weitem nicht so groß wie sonst.“ Und dass im Gespräch unterei­nander ohnehin der Fußball domi­niert, wird in Brasilien sicherlich auch nicht anders sein, liefert die parallel ausgetragene „große“ WM doch zusätzlich Gesprächsstoff.

Das Alter ist Nebensache

Die Favoritenbürde als Weltmeister wiegt für die deutschen Ärzte in Brasi­lien besonders schwer, denn natürlich sind die Gastgeber besonders moti­viert, den Titel zu holen. Auch das Alter ist häufig ein Problem. „Wir mit unserer relativ alten Mannschaft stau­nen oft, wie jung in manchen Ländern die Ärzte sind“, sagt Kobes. Obwohl er sich als Torwart etwas leichter tut, findet er es richtig, dass immer min­destens zwei Ü-35- und zwei Ü-40-Spieler auf dem Platz stehen müssen.

Aber das alles ist eigentlich Neben­sache. Brasilien lockt - und ans Auf­hören wird vorerst kein Gedanke ver­schwendet. Ganz im Gegenteil. Viel­mehr hat sich Torwart Kobes schon Gedanken über die WM 2015 in Los Angeles gemacht: „Wenn es sich irgendwie zeitlich einrichten lässt, sol­len Ehefrau und die drei Söhne mit nach Kalifornien, Familienurlaub an­schließend inbegriffen.“ Erstaunlich, wo einen die Antwort auf eine An­zeige im Ärzteblatt doch überall hin­führen kann.